Europas langes Mittelalter
Das Frauenbild der Muslime sei einfach mittelalterlich, erregen sich europäische Kritiker. Doch ob Einführung des Frauenwahlrechts, Liberalisierung der Mode, Öffnung der Universitäten und des Arbeitsmarktes – Europa selbst hat das Mittelalter noch nicht lange überwunden. Eine Polemik.
Zwangsehen, Ehrenmorde, Kopftuchzwang – das Frauen- und Familienbild der Muslime, so der verbreitete Vorwurf westlicher Kritiker, sei erschreckend mittelalterlich und mit der Moderne unvereinbar. Muslimische Mädchen und Frauen seien weder in der Art ihrer Kleidung, in der Wahl ihres Partners, noch in der Gestaltung ihres Lebens frei über sich selbst zu bestimmen. In den noch immer stark patriarchalischen Familienstrukturen müssten sie sich dem Willen der Männer unterwerfen. Der Zwang zum Tragen des Schleiers, das Verbot zur Teilnahme am Sportunterricht wie überhaupt die Entmündigung und Unterdrückung der Mädchen und Frauen seien Zeichen eines vormodernen Gesellschaftsbildes.
Nun sind die Wahlfreiheit des Individuums und die Gleichberechtigung der Geschlechter tatsächlich zentrale Bestandteile der Moderne. Doch ein Blick in die nicht so ferne Vergangenheit zeigt, dass sie in Europa noch bis vor kurzem keineswegs selbstverständlich waren. So mussten in der Bundesrepublik Frauen noch bis in die Fünfziger Jahre das schriftliche Einverständnis ihres Ehemanns vorweisen, um eine selbstständige Arbeit aufnehmen zu können oder ein eigenes Konto zu eröffnen. Erst mit dem Gleichberechtigungsgesetz 1957 wurde das traditionelle Rollenbild, in dem der Mann für seine Gattin sorgt und die Frau ihm den Haushalt führt, langsam aufgeweicht.
Es ist auch noch nicht lange her, dass Frauen das Wahlrecht erhielten. In Deutschland und Österreich wurde es 1918 eingeführt, in Frankreich 1944 und in der Schweiz 1971. Im Kanton Appenzell dürfen Frauen gar erst seit 1990 an die Urne. Ganz anders in der Türkei, wo Frauen bereits seit 1930 wählen können. Selbst im Iran ist dies immerhin schon seit 1978 möglich. Auch sonst hat Europa noch einen weiten Weg zur politischen Gleichstellung der Frau zu gehen – selbst wenn im französischen Kabinett erstmals gleich viele Frauen wie Männer sitzen und in Deutschland erstmals eine Kanzlerin regiert. Nur nebenbei sei hier erwähnt, dass in der Türkei mit Tansu Ciller bereits 1993 eine Frau Premierministerin war.
Selbstverständliche Trennung
Nun mag man einwenden, dass in Europa zumindest niemand den Mädchen die Teilnahme an Klassenfahrten und Schwimmunterricht untersagt. Doch in vielen europäischen Ländern war es bis nach dem Zweiten Weltkrieg für Mädchen unüblich zu studieren, sollten sie doch in erster Linie die Kinder erziehen. Nicht nur in Deutschland, wo der Nationalsozialismus ein traditionelles Frauen- und Familienbild propagiert hatte, sondern auch in katholisch geprägten Ländern wie Frankreich, Italien oder Spanien waren Frauen bis weit in die 1960er an den Universitäten deutlich unterrepräsentiert. Noch 1992 waren in Deutschland nur 39 Prozent der Studenten weiblichen Geschlechts. Es sei hier nur am Rande bemerkt, dass im angeblich so mittelalterlichen Iran und Saudi Arabien heute mehr Frauen als Männer studieren.
Auch das koedukative Modell hat lange gebraucht, um sich in Europa durchzusetzen. Noch bis in die Fünfziger Jahre war in Deutschland die Mehrheit der Schulen nach Geschlechtern getrennt. In katholischen Staaten dauerte die Trennung aufgrund des starken Einfluss der Kirche auf das Bildungssystem noch länger. Selbst im laizistischen Frankreich und im liberalen Großbritannien werden Mädchen und Jungen erst seit den 1960ern zusammen unterrichtet. Kirchliche Einrichtungen haben die Trennung vielfach bis heute beibehalten und in Internaten gilt selbstverständlich weiterhin eine strikte Segregation. Zudem gibt es seit längerem wieder verstärkt Überlegungen, getrennten Sport- oder Matheunterricht einzuführen, um den Mädchen zu erlauben, sich in Ruhe zu entfalten.
Prüdes Europa
Aber zumindest zwingt in Europa niemand, Frauen ein Kopftuch zu tragen, wird mancher einwenden. Doch auch wenn der höfische Schleier in Europa tatsächlich seit dem Mittelalter verschwunden ist, zeigt sich, dass die Freizügigkeit keineswegs ein Kernbestandteil europäischer Kultur ist, sondern eine Errungenschaft der 68er Revolution. Bis 1968 waren die Modekonventionen sehr strikt. Hosen waren für Frauen undenkbar – und kurze Röcke nur bei jungen Mädchen toleriert. Die Darstellung von Sex in Werbung, Medien und Film war ebenfalls weitgehend tabu. Küssen in der Öffentlichkeit galt als unanständig – und Sex vor der Ehe war, wenn auch nicht unüblich, sozial scharf sanktioniert. Ingesamt war Europa bis in die 1960er überaus prüde.
Dies zeigt sich nicht zuletzt an der Gesetzgebung zur Homosexualität. Bis 1957 stand in der Bundesrepublik – ähnlich wie in anderen europäischen Ländern – die Ausübung ‚widernatürlicher Geschlechtsbeziehungen’ unter Strafe. Zehntausende von Männern wurden bis zur Abschaffung des entsprechenden Paragraphen zu Gefängnisstrafen verurteilt. In Osteuropa werden noch heute Schwule diskriminiert. So wurden in Polen und Litauen wiederholt Kundgebungen unter der Regenbogenfahne von den Behörden verboten. Wenn also die Diskriminierung sexueller Minderheiten, die Benachteiligung des weiblichen Geschlechts, wie überhaupt ein patriarchalisches Familienbild und ein traditionelles Rollenverständnis Zeichen des Mittelalters sind, so muss man feststellen, dass Europa bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderst darin feststeckte – und sich teilweise erst heute daraus zu lösen beginnt.
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Comments
Ich bin eher mit dir einverstanden, und würde auch darauf bestehen, dass die Islamischen Gesellschaften eben im Mittelalter sehr offen und entwickelt waren.
Es stört mich doch immer ein bisschen, wenn (europäisches) Mittelalter als Synonym von Obskurantismus betrachtet wird. Das Mittelalter war eine sehr lange Zeit, mit schrecklichen Phasen aber auch mit wunderbaren (z.B. den 13. Jahrhundert). Aber das ist nicht das Thema von diesem Blog, Mittelalter zu verteidigen :)
Bezüglich dem Thema, Islam in Europa oder hier eher Islam und Europa, ich verstehe nicht wirklich, was dein Punkt ist. Da Europa früher so war, und nicht mehr so ist, sollte sich die islamische Welt natürlich in der selben Richtung entwickeln?
Ich glaube, dass es komplizierter als das ist, und dass man für diese Fragen Sunnits und Schiits unterschiedlich betrachten soll.
Sunnits sind grundsätzlich orthodox: die Wahrheit ist in dem Koran und Hadith und sie soll nichts verändert oder neu interpretiert werden. Die Tendenz zum Konservatismus ist deswegen viel stärker bei denen. Schiits dürfen die Religion interpretieren, und deswegen gibt es viel mehr verschiedene schiite Sekten, einigen davon sehr offen (z.B. Alevis). Der derzeitige konservative Regime in Iran ist, meiner Meinung nach, eher ein Unfall der Geschichte, der viel zerbrechlicher ist, als man denkt.
Kurz (und viel zu einfach) gesagt: Sunnits wären wie die Katholiken und Schiits wie die Protestanten, aber es fehlt den Sunniten einen Papst und eine strukturierte Kirche, um das Dogma zu aktualisieren (wie Johannes XXIII und Paulus VI mit dem Vatikan II Konzil).
Und was soll der Quatsch? Die angeführten Entwicklungen zeigen vor allem, dass die Gleichberechtigungsvorstellungen der Aufklärung sich in Europa seit dem 18. Jahdt. immer weiter durchgestzt haben.
Kennen sie (heute) irgend jemand der die Verhüllung der Frauen fordert, seine Töchter nicht zum Schwimmuntericht lassen will oder Homosexuelle für krankhaft hält (also alle diese Vorstellungen offensiv vertritt und gut findet) und kein Moslem ist?
Was soll mit dem Text bewiesen werden? Das es Entwicklung in Europa gegeben hat? Das dürfte bekannt sein. Das der Islam oder die Moslems ein Recht dazu haben, Frauen und Mädchen zu unterdrücken, Weil in Europa früher die Frauen unterdrückt wurden?
Ich kann nicht glauben, dass in der demokratischen Welt die Bürger ihre Freiheiten nicht schätzen, schlimmer noch, es normal finden wenn diese Freiheiten in anderen Ländern nicht gelten.
Klar, Sklaverei ist Klasse, oder doch nicht wirklich schlimm, haben wir früher auch gemacht. Frauen werden beschnitten, kein Problem, wir haben früher Hexen verbrannt.
Wenn die Welt 1933 nicht weggeschaut hätte, wären viele Millionen nicht gestorben, auch damals wurde ein unheilvoller Werterelativismus gepflegt.
Und heute sollen wir wieder wegschauen? Tja, ihr Frauen in Afghanistan, ihr habt halt Pech. Ihr unterdrückten Christen in der islamischen Welt - schlechte Zeit erwischt, wir haben früher auch andere Religionen unterdrückt...
"Man muss bereit sein, die Freiheit mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, dann wird sich der Rest schon finden."
Winston S. Churchill
Es freut mich, dass der Text zur Diskussion anregt. Doch es handelt sich um eine Polemik! Natürlich möchte ich damit nicht die gegenwärtige Unterdrückung von Frauen in den muslimischen Gesellschaften rechtfertigen. Es geht mir allein darum, zum Nachdenken anzuregen, ob die Selbstgefälligkeit, mit wir von den Muslimen etwas einfordern, dass bis vor wenige Jahrzehnte bei uns alles andere als selbstverständlich war, berechtigt ist.
Dass die Gleichberechtigung der Geschlechter im Westen eine relativ neue Errungenschaft ist, bedeutet nicht, dass man gleiches nicht von den Muslimen einfordern kann und soll. Doch es relativiert etwas das Bild, wonach der Westen in der Moderne und der Islam im Mittelalter lebt. Ich denke, es ist um einiges näher an der Wahrheit, dass heute die europäischen Muslime dort sind, wo unsere Urgroßeltern waren. Nicht mehr und nicht weniger will dieser Text zeigen.
Ich glaube nicht, das Verständnis für Unterdrückung oder Relativierung irgendjemand hilft. Tatsächlich ist dieses Verständnis ja auch fast paternalistisch - so wie ein Vater seine heranwachsenden Kinder versteht und entschuldigt (war ich in meiner Jugend nicht auch? Ist das nicht soooo verständlich? usw.)
Diese Art von Verständnis heißt ja auch immer: ich nehme dich nicht ernst!
Eine klare Ansage: Demokratie oder Streit mit den Demokraten Kommunikation zwischen "Gleichen".
Und Fragen: wie sieht es mit der Bildung aus? gibt es Pressefreiheit? wie entwickelt sich die Wirtschaft? wie sieht die Stellungnahme zur Gewalt aus?
Ist es nicht fast komisch wenn sich das pakistanische Parlament über die Knighthood für Salman Rushdie aufregt, an einem Tag an dem 70 Moslems durch moslemische Bomben in Bagdad sterben?
Ist es nicht nachvollziehbar, das unter den 100 besten Universitäten der Welt keine arabische ist?
Ist es nicht überraschend, das Israel, der böse und schlechte Feind der Moslems, weltweit den höchsten prozentualen Anteil von Ingenieuren an der Bevölkerung hat?
Ist es nicht überzeugend, das aus Israel der schöne Chat-Client ICQ kommt?
Ist es nicht eindeutig, das die Nachrichten aus der moslemischen Welt nur aus Mord, Zerstörung und Unterdrückung bestehen?
ihr seid scheiße bay bay
Die einseitige Polemik inklusive der Beweihräucherung der Errungenschaften westlichen Welt klingt wirklich borniert. Geht da jemand mit Scheuklappen durch die Welt? Das Beispiel Churchills zeigt doch gerade erst, dass Waffengewalt zur "Befriedung und Demokratisierung" ein Widerspruch in sich ist.
Mir hat der Eingangsartikel gut gefallen! Er erweitert den Horizont!
Kenntnis und Wissen um die "eigene" europäische Geschichte ermöglichen erst einen fundierten Dialog mit Muslimen und das ist es doch, was unsere globalisierte Welt nötig hat!
Ich habe darüber Nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass man dem Islam nichts böses Untersellten darf. Der Islam wurde ca. im 7 Jahrhunder gegrünet. Rechnet man das in die christliche Zeitrechnung um, deckt sich das mit den Kreuzzügen der christliichen Welt. Also ca. 1300 Jahre nach dessen Beginn. In dieser Zeit gab es für die christliche Welt auch nur das Motto, mit und oder gegen uns, so wie es der radikale Islam heute betreibt. Dass viele muslime heute weiter sind von ihren gedanken interessiert diese minderheit nicht,. was ich damit sagen will ist das sich der Islam so wie jede Religion in einer kontinuierlichen Lernphase ist. Und sich das Blatt zum Guten (also friedlicher Ko Existienz) wenden wird. Ich persönlich bin gegen jede Religon, da sie meiner Meinung Schwachsin ist und sich jeder Realität versagt. Wenn man es genau betrachtet ist die Bibel, die Tora, so wie der Koran eine Aneinanderkettung von Märchen. Doch trotz alledem muss man die Meiung und Bedürfnisse aller Menschen berücksichtigen soweit sie sich mitr der Mehrheit der Menschheit vereinbaren lässt.
Ich hoffe das die Menschen ihre verschiedenen Bedürfnisse unter einen Hut bringen werden und sich den wichtigen PRoblemen wie Globale Erwärmung von der aauch riere betroffen sind, die dabei überhaupt kene schuld trägt angesprochen swerden
als ein müslime, der eigentlich nicht glaubiger und seit 20 Jahren mit eine christin verheiratete in Deutschland lebende Türke....finde Europäische Kulugscheiserei echt lächerlich...z.B. ich lese die ganze texte hier, um einein gegnsatz zu sprechen die haben nicht mal einsatzweise vernünftiger wissen....nur mist geredet..Das habe ich aber mitlerweile aufgegeben.....besser wisser sind meistens nichts wisser. Viel spass beim rumdüdeln.
Das wichtigste in diesem Leben ist an Gott zu glauben.
Der richtige Weg für mich der Islam.
Es gibt 1000 beweise das es einen Gott gibt, aber nicht einen einzigen, dass es keinen Gott gibt.
Wir muslimische Frauen sind nicht unterdrückt, so wie Ihr denkt, wir sind die jenigen, die Ihr als Vorbilder haben solltet, denn wir sind im Herzen die glücklichsten. Wir enthalten uns vor fremden Blicken benehmen uns, wir respektieren unsere Männer und glauben an Gott!
Oder ist es besser zu Huren, nackt zu sein, Männer zu verletzen, indem wir mit Ihnen spielen?
Was im Koran steht ist die Rechtleitung Gottes.
Allah möchte nur das Beste für uns und um so mehr Verbote udn Gebote es gibt desto weniger können wir Menschen falsch machen.
Wenn ich keinen Sex vor der Ehe habe, kann ich nicht schwanger werden, bekomme kein Kind mit 14, muss mir keine Gedanken machen und die Ernährung des Kindes und kann ihm mit 14 jahren nichts bieten und bin selber unerfüllt u.s.w.
Mit 14 Jahren denkt man wieso gibt es dieses Verbot, man versteht nicht so recht die Hintergründe, wenn man ein Kind mit 24 Jahren hat versteht man es. Deshalb sollte jeder nur daran denken das Allah der allwissende ist und wir nicht einen hauch seines Wissens haben!!!
In diesem Sinne Grüße ich alle muslime und nur die jenigen sind muslime, die den Islam auch ausleben!!!