Stichwort: Fundamislamismofaschimus
In der deutschen Öffentlichkeit werden die Begriffe Islamismus, Fundamentalismus und politischer Islam oft als Synonym verwendet, ohne dass klar ist, was genau gemeint ist. Seit kurzem taucht zudem der Begriff des Islamofaschismus auf. Welcher dieser Begriffe ist richtig und was bedeuten sie genau?
Die Unterscheidung zwischen den Begriffen Islamismus, Fundamentalismus und politischer Islam ist in erster Linie eine Frage der Genauigkeit. Anders steht es um den Begriff des Islamofaschismus, den in den letzten Jahren wiederholt verschiedene Autoren und Politiker - darunter George W. Bush im August 2006 - verwendet haben. Der Begriff stellt die strukturellen und ideologischen Parallelen zum europäischen Faschismus heraus. Auch wenn gewisse Parallelen tatsächlich existieren, geht ein direkter Vergleich am Wesen des Phänomens vorbei. Diese Wortneuschöpfung ist daher vor allem als Kampfmittel im Ringen um die sprachliche Deutung zu verstehen.
Auch die Verwendung des Begriffs ‚Fundamentalismus’ ist problematisch. Zum einen, weil er ursprünglich eine protestantische Strömung in Amerika bezeichnete, die eine Rückbesinnung auf die ‚Fundamente’ des Christentums, d.h. die Bibel, predigte. Zum anderen, weil die Bezeichnung dem Anspruch seiner Anhänger entgegenkommt, die Fundamente des Islam und damit die wahre und reine Form der Religion zu vertreten. Dies impliziert, dass andere Formen des Islam weniger islamisch sind, und ignoriert, dass diese angeblich ursprüngliche Form des Islam selbst eine Neuauslegung der Schriftquellen im Licht der Moderne ist.
Entstanden ist der Islamismus in den 1920ern Jahren als religiös-politische Reformbewegung, die angesichts des steigenden Einfluss des Westens und der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Schwäche der Muslime den Islam durch die Rückbesinnung auf die Schriftquellen und die Reinigung von fremden Einflüssen stärken wollte. Anstatt sich der westlichen Vorstellung der Moderne anzupassen, sollten die Muslime eine eigene ‚islamische Moderne’ schaffen. Auch wenn einige Aspekte - wie das islamistische Frauenbild – eher mittelalterlich anmuten, so ist der Islamismus doch eine moderne Ideologie.
Ähnlich wie andere Ideologien des 20. Jahrhunderts strebt der Islamismus die Transformation des Menschen und der Gesellschaft an. Er fordert die Rückkehr zur gesellschaftlichen Ordnung des ‚goldenen Zeitalter’ zur Lebzeit Mohammeds. Da dieser ideale Urzustand nicht direkt auf die aktuelle Situation zu übertragen ist, muss er angepasst werden. Dabei sind mehrere Auslegungen möglich. Daher unterscheidet sich das Gesellschaftsmodell der Islamisten zwischen Amerika und Afghanistan erheblich. Trotz der Bezugnahme auf den Koran ist oft letztlich der kulturelle und politische Kontext bestimmend.
Die islamistischen Bewegungen, Parteien und Gruppen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Zielsetzung, sondern auch in ihren Mitteln. Die einen streben die Transformation der Gesellschaft im Rahmen des bestehenden Systems an, die anderen durch dessen gewaltsamen Umsturz. Wieder andere stellen die soziale Veränderung von unten vor die politische Reform von oben. Noch andere schließlich suchen allein die Erweckung des Einzelnen und halten sich aus der Politik raus. Der Begriff ‚politischer Islam’ ist daher problematisch, insofern er durch die Betonung des politischen Aspekts nicht-politische Spielarten des Islamismus auslässt.
Letztlich kann Islamismus als eine Form des Islam verstanden werden, die durch öffentliches Handeln die Transformation des Menschen und der Gesellschaft anstrebt. Das Problem mit diesem Begriff ist jedoch, dass er so breit gefasst ist, dass zur Unterscheidung wiederum Adjektive wie orthodox, traditionell, konservativ, radikal oder progressiv verwendet werden müssten – die ihrerseits zu definieren wären.
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Comments
Warum führen wir dann nicht gleich die Begriffe "islamische Reformation" oder "islamischer Protestantismus" ein? Denn soweit weg von Calvin oder Luther, von den evangelischen, reformatorischen und protestantischen Bewegungen Europas im ausgehenden Mittelalter, ist der moderne Islamismus doch gar nicht. Zumindest nicht die Varianten, die von Sayyed Qutb, Hassan al-Banna oder Ruhollah Khomeini als Reaktion auf die westliche Moderne in Verbindung mit einer Rückbesinnung auf die Kernelemente des Islam definiert wurden.
Ja, warum nicht? Ich stimme durchaus überein, dass deutliche Parallelen zu den christlichen Reformbewegungen der frühen Moderne existieren. So die Besinnung auf die Ursprünge der Religion in der Schrift oder ein individuelles Glaubensverhältnis unter Umgehung der Geistlichen.
Auch aus der Reformation hat sich ähnlich wie im Fall des Islamismus eine soziale und politische Bewegung gegründet, die aus der Religion den Anspruch zur Veränderung der Gesellschaft mit dem Ziel der Errichtung einer gerechten Ordnung abgeleitet hat.
Allerdings ist Reformation und Protestantismus ähnlich wie Fundamentalismus als Begriff bereits belegt.