Iran... und dennoch wählen
''Im Iran stehen Wahlen an, doch nicht nur im Land, sondern auch im Exil wollen viele nicht teilnehmen, um mit ihrer Stimme nicht ein System zu legitimieren, das sie für zutiefst undemokratisch halten. Doch auch wenn keiner der Kandidaten voll überzeugt, ist es womöglich besser, für den Besten unter ihnen zu stimmen, um nicht den Schlechtesten zu erhalten.''
Mittwoch, den 10. Juni 2009
Gestern schrieb mir mein iranischer Freund Yussef eine eindringliche Mail, in der er mich bat, unter
den mir bekannten Exiliranern dafür zu werben, am Freitag wählen zu gehen. Denn während viele
der städtischen Unterschicht und ländlichen Bevölkerung sich von Ahmadinejads Versprechen und
Geschenken hätten einfangen lassen, obwohl die letzten vier Jahre eigentlich gezeigt haben, dass
seine populistische Politik vor allem die Inflation anheizt, herrsche unter den Bessergebildeten noch
immer die Enttäuschung über die gescheiterte Reformregierung Mohammad Khatamis vor. Es
drohe daher, so Yussef, dass Mahmud Ahmadinejad die Wahl allein deshalb gewinne, weil es
seinem Gegner, dem Reformkandidaten Mir Hossein Mussavi nicht gelinge, seine Anhänger in
ausreichendem Maße zu mobilisieren.
Auf die Wahlen angesprochen, sagte meine Bekannte Farifteh, die seit vielen Jahren in Deutschland
lebt, dass sie noch immer zögere, am Freitag wählen zu gehen. Sie sehe durchaus den Nutzen, ihre
Stimme für Mussavi abzugeben, schließlich sei er in jedem Fall Ahmadinejad vorzuziehen, doch
legitimiere man das System, wenn man sich an der Stimmabgabe beteilige. Diese Zweifel sind
natürlich berechtigt, bezieht die Islamische Republik intern und extern noch immer einen Großteil
ihrer Legitimität aus der Tatsache, dass regelmäßig Wahlen stattfinden – auch wenn diese Wahlen
in mehrfacher Hinsicht nicht demokratischen Standards entsprechen.
Politik ist die Kunst des Kompromisses
Nicht nur wird regelmäßig ein Großteil der Bewerber vom konservativen Wächterrat wegen Zweifel
an ihrer Regimetreue ausgeschlossen, sondern die Kandidaten haben im Wahlkampf auch nicht den
gleichen Zugang zu den staatlichen Medien, ganz zu schweigen von den Einflussnahmen und
Wahlfälschungen am Wahltag selbst. Viele Iraner sagen daher, dass wenn die Wahlen ohnehin nicht
frei und fair sind, es keinen Sinn mache, sich an ihnen zu beteiligen, da die Stimme ohnehin nicht
bei dem Kandidaten verbucht werde, für den sie bestimmt sei. Auch dieses Argument ist legitim,
doch die Wahlen als reinen Betrug abzutun, wäre zu einfach.
Immerhin ist es dem Reformer Mohammad Khatami 1997 gelungen, trotz des Widerstands der
Konservativen gewählt zu werden. Und auch wenn bei den diesjährigen Wahlen wie üblich ein
Großteil der Kandidaten aussortiert worden ist, so stehen die verbleibenden Vier doch für
unterschiedliche Richtungen – und bieten dem Wähler damit eine echte Wahl. Natürlich sind es
alles Islamisten – keiner von ihnen stellt das System grundsätzlich in Frage – und natürlich kann
man sich einen liberaleren Kandidaten wünschen als Mussavi oder Karrubi, doch Politik ist nun mal
die Kunst des Kompromisses.
Da in der Politik das absolut Beste selten erreichbar ist, muss man das Beste des Möglichen nehmen – und wenn es nur ist, um das Schlechteste zu verhindern.
Das Land der roten Quadrate - Jugendkultur im Iran
Am Rand von Europa - Erasmus in einem konservativen Stadtteil Istanbuls
Muslime in Brüssel: (Fast) wie alle anderen
"Niqabitches": Kritik in Kopftuch und Hotpants
Berlin: Das Opferfest ist unser Weihnachten
Die ewig Neutralen? Schweizer gegen Minarette